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Evangelischer Pfarrbereich Flemmingen - Langenleuba-Niederhain
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Marie und das weite Herz

Jer 31, 31-34 –  Predigt Exaudi

Das geistliche Wort zum Sonntag Exaudi …. auch wenn wir keinen Gottesdienst feiern:

Pfarrerin Dr. Kristin Jahn - Superintendentin

I
Marie saß auf den leeren Bierkästen und zählte die Vorräte. Bier, Limonaden, Konserven, Wein.
Seit Wochen war die Gaststätte geschlossen gewesen. Nun konnte sie wieder öffnen. Sie musste anfangen, mit dem, was noch da war. Für neue Ware war jetzt kein Geld da.
Wir melden uns, hatten die Kunden gesagt. Die großen Familienfeiern, von denen sie lebte, waren noch gar nicht wieder möglich. Alles was blieb, war Laufkundschaft. Auf die musste sie hoffen. Improvisieren, neu anfangen.
Es gab Nächte, da konnte Marie nicht mehr schlafen.

Wovon die Rechnungen bezahlen? Die Kühltruhen, der Strom, die Gewerbesteuer, die Miete, all das lief ja weiter. Shutdown hin oder her, die Rechnungen waren noch nicht abgesagt, die flatterten weiter ins Haus. Marie hatte schon viel durch. Flauten, magere Jahre, aber diese Krise sprengte alles. Eine abgrundtiefe Pause. Eine Stille, die sie kaum ausgehalten hat. Marie fühlte sich wie aus dem Leben herausgefallen und unter ihr kein Boden. Diese Krise hatte sie an den Rand gebracht.
Es fühlte sich an wie eine Strafe, aber wofür, mein Gott, dachte sie. Jahrelang habe ich geschuftet, geglaubt, gehofft und nun das!? Was hab´ ich verkehrt gemacht!? Diese Krise war schlimmer als alles, was sie schon kannte.
Marie konnte Leute verstehen, die jetzt auf die Straße gingen mit ihrer Unsicherheit und Angst. Menschen, die einfach nur ihr altes Leben zurückhaben wollten. Aber von all der Wut und Hetze, die da mit hoch kam, davon wird doch jetzt auch nichts gut, dachte Marie. Was bringt das denn, jetzt Sündenböcke zu produzieren?
Marie saß da auf den Bierkästen im Vorratsraum. Die Lampe flackerte über ihr. Etwas Licht im Dunkeln.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.

II
Das Volk Gottes inmitten der Krise. 587 vor unserer Zeitrechnung stand ein Mann namens Jeremia vor den Trümmern seines Lebens. Vor den Trümmern all dessen, was sein Land und seine Religion ausgemacht hatte.
Jerusalem war zerstört, der Tempel, das Allerheiligste gleich mit, die Stadtmauern geschleift und die Elite des Volkes von Nebukadnezzar nach Babylon weggeführt.
Alles, was dieses Land einmal ausgemacht hatte, gab es nicht mehr. Sogar Gottes Wohnung war weg. Nichts war mehr so, wie es früher einmal war.  Noch nicht einmal Gott war mehr da.
Damals glaubten die Menschen, dass Gott nur in seinem Tempel erreichbar war und dass es diesen Ort braucht, diese prunkvollen Mauern inmitten von Jerusalem.  Hier wohnt Gott mitten unter uns, dachten sie, und nun war selbst der Tempel zerstört, es war als hätte einer Gott zerhauen und alles, woran ein Mensch glaubt.
Jeremia sieht auf diese Ruinen und er kann es nicht fassen, was passiert ist. Er sieht die Trümmer und er will hier nicht stehen bleiben und Gott will es auch nicht.

Eine Stimme, die da zu ihm spricht:  Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich einen neuen Bund mit euch schließen. Nicht so wie jener Bund, den ihr gebrochen habt, nachdem ich euch aus der Knechtschaft in Ägpyten herausgeführt habe, sondern so einen Bund, der tief hineinreicht in eure Herzen. So nah will ich euch sein. Mit meinem Wort. inmitten eurer Herzen, das soll mein Tempel sein und ich will bei euch wohnen.

Jeremia macht den Blick ganz weit, er blickt weit über die Trümmer Jerusalems hinweg. Siehe, es kommt die Zeit.

III
Was Marie am Leben erhält, ist einzig und allein ein Stück Hoffnung. Die Hoffnung, dass auch wieder bessre Zeiten kommen und dass das alles eines Tages vorbei ist: Corona und die ganze wirtschaftliche Krise. Was sie aufstehen lässt, früh am Morgen ist die Hoffnung, dass die Zeiten wiederkommen, wo Menschen wieder miteinander feiern dürfen.  Dass sie wieder Essen kochen kann für 40-50 Leute und das Gelächter aus der Gaststube bis zu ihr in die Küche dringt, den Raum ausfüllt mit lautem Klang.  Was Marie am Leben erhält, ist dieser kleine Fetzen Hoffnung, dass es aufwärts geht. Tag für Tag.  Letzte Woche hat sie ihre Gaststätte wieder aufgemacht.
Vereinzelt kamen die Stummkunden wieder. Ein Essen hier, ein kleiner Kaffee dort. Ganz langsam lief alles wieder an. 
Marie weiß noch nicht, wie sie das alles übersteht, aber sie hofft, dass es jetzt aufwärts geht. Mit jedem Kunden, mit jedem Tag.  Den Streit der Leute mag Marie gar nicht mehr hören. Ob das richtig war, der große Shutdown oder ob man das nicht alles auch hätte anders machen können.
Die Gerüchte, woher das Virus kam und dass das doch nur eine Erfindung sei. Sie wollte das alles nicht mehr hören. Nichts wird davon jetzt gut.  Ihr redet euch doch nur die Köpfe heiß, aber was ist damit gelöst? Dachte sie.
Diese Krise ist schon schlimm genug. Vom Streit wird doch jetzt nichts gut.

IV
Als der Jerusalemer Tempel zerstört dalag und das Land verwüstet war, da ging das Wehklagen los.
Der eine beschuldigte den anderen: Ihr seid doch schuld, ihr mit eurem gottlosen Leben. Die ganze Zeit habt ihr so getan, als wäret ihr klüger und mächtiger, ihr mit eurem Geld. Das musste ja eines Tages so kommen! riefen die einen. Und die anderen meinten, das ist nur passiert, weil ihr so eigensinnig wart!
Die Kleinen schrien gegen die Großen und einer schob dem anderen die Schuld in die Schuhe.
Jeremia hört diesen Streit und er sagte: Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, da werde ich euch wieder nahe sein, so nah wie einst der Tempel in eurer Stadt und ich will einen neuen Bund mit euch schließen. Ich will mein Gesetz in eure Herzen schreiben.
Dann wird jeder von euch wissen, was gut und böse ist. Und keiner wird den anderen mehr belehren!
Denn ihr alle, Große und Kleine, sollt mich erkennen, spricht der HERR; und ich will euch eure Missetat vergeben und an eure Fehler nicht mehr denken.
Sagt es und macht Schluss mit dem Streit. Gott, der Friedensbringer. Er will neu beginnen in der Krise, im Streit.

V
Mit Jeremia stehen wir in der Wüste, vor den Trümmern unseres Lebens.  Nichts ist so wie vorher. Unser Alltag durcheinandergewirbelt. So manche Zukunft ungewiss.  Mit Marie sitzen wir im Keller. Bei dem, was uns noch geblieben ist.
Das Aufstehen ist mühsam. Wir müssen uns Wege bahnen, von denen wir dachten, die sind glasklar.  Die Beschränkungen machen uns Mühe. Keinem macht das Spaß.  Mit Marie gehen wir an die Arbeit, Tag für Tag, Schritt für Schritt, rappeln uns auf und mit Christus stehen wir auf, bereit zum Neuanfang, zur Vergebung
Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott  - wir horchen auf, unser Herz wird weit. AMEN

Ihre
Pfarrerin Dr. Kristin Jahn
Superintendentin

Gebet
Wir bedenken, woran wir glauben:
Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, der sein Volk Israel aus der Bedrängnis in Ägypten herausgeführt hat hinein in ein gutes Land. Er wird auch uns aus aller Sorge einmal erlösen. Denn er ist wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter. Er schenkt uns Brot und Leben, Sonnenaufgänge und Hoffnung.
Ich glaube an Jesus Christus, der die Ohnmacht ausgehalten hat am Kreuz, der auch nicht wusste, was noch kommt, und trotzdem in allem auf Gott vertraute. Er blieb ganz nahe bei Gott und in ihm hat Gott sich uns gezeigt, liebevoll, menschlich und nah. In Jesus Christus wird mir klar: Gott will uns auch in den tiefsten Tiefen verbunden bleiben. Und er steht auf mit uns, hinein in ein Leben, das noch kommt.
Ich glaube an den Heiligen Geist. Ein Geist, der Menschen über alles Trennende hinweg verbindet und der uns gemeinsam auf das Gute schauen lässt. Dieser gute Geist lässt uns das Beste aus allem machen und sagt: Morgen ist wieder ein neuer Tag.
Ich glaube an diesen barmherzigen Gott, der alles schenkt und alles vergibt, der alles heilt und verbindet. AMEN

Wir halten Fürbitte. Wir senden einen Engel an die Seite derer, die uns fehlen, die uns fremd sind, die uns weh tun, um die wir uns sorgen und bitten:
Herr, erbarme Dich!

Herr, du meinst es gut mit uns. Komm mit deiner Güte zu uns, zieh ein in unsere Herzen.
Wir denken an die Menschen, die jetzt in großer Not und Sorge sind, an die Händler und Gewerbetreibenden, die mit Umsatzeinbußen zu kämpfen haben.
Herr, erbarme Dich!

Wir denken an die Mitarbeiter und Angestellten, die in Kurzarbeit sind, an Menschen, deren Existenz auf dem Spiel steht. An Pflegekräfte und Heimleiter, die jetzt noch mehr Verantwortung für Heimbewohner und Angehörige tragen.
Herr, erbarme Dich.

Wir denken an unsere Kranken und bitten Dich, halte die Ohnmacht mit uns aus.
Herr, erbarme Dich!

Steh den Verantwortlichen bei im Landkreis und in unserer Regierung.
Bewahre uns aller vor Hochmut und Rechthaberei. Nimm uns die Angst, wir könnten leer ausgehen.
Gib den Eltern Kraft, inmitten von Kinderbetreuung und Homeoffice. Du weißt unter welcher Belastung wir stehen.
Behüte unsere Kinder und erbarme Dich über uns. 

Deine Schöpfung blüht, lass auch unser Herz blühen und Mut fassen für die kommende Zeit.
Wir beten zu Dir mit den Worten, die dein Sohn uns geschenkt hat:

Vaterunser

Die Andacht zum Downloaden als pdf-Datei.

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